[22.2.2018 – 20 Uhr] Herbert Marcuse „Kapitalismus und Opposition“

Buchvorstellung und Gespräch mit Peter-Erwin Jansen

Die erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Vorträge hielt Herbert Marcuse an der legendären, 1968 gegründeten Reformuniversität Vincennes in Paris. Sie galt nicht nur als „revolutionäre“ Herausforderung gegenüber der traditionellen französischen Bildungspolitik, sondern bald schon als intellektuelles Zentrum neuer gesellschaftskritischer Ansätze. Neben Marcuse referierten hier unter anderen Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard, Jacques Lacan, Jacques Rancière, Noam Chomsky, Pierre Paolo Pasolini. Marcuses kritische Analyse konzentriert sich auf zentrale Konflikte in der amerikanischen und westlichen Gesellschaft. Die Vorträge lassen sich als eine Fortführung, aber auch als aktualisierte Korrektur der kritischen Analyse des Eindimensionalen Menschen aus dem Jahre 1964 interpretieren.

Politisch konkreter als noch im Eindimensionalen Mensch und erstaunlich aktuell stellt Marcuse die globalen Bedrohungen des entfesselten Neo-Liberalismus dar: die Verschwendung knapper Ressourcen, die Produktion überflüssiger und unnötiger Waren, die unterdrückende Macht einer privilegierten, reichen Minderheit, sowohl von Individuen als auch der westlichen Industrienationen, die Dominanz der kapitalistischen Ökonomie über die Politik, die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Völker in den armen Ländern des Südens. Es entstehe so etwas wie eine „Arbeitsplatzhierarchie“, die von den nationalen Interessen der reichen Länder geprägt werden und eine Entsolidarisierung der Ausgebeuteten nach sich zieht. Eine Massenbasis für eine Emanzipationsbewegung sieht Marcuse nicht. Hierin bleibt er sich treu. Andererseits lassen sich in den Arbeiten konkrete Möglichkeiten identifizieren, die für eine befreite Gesellschaft assoziierter Produzenten bereits in der bestehenden Industriegesellschaft vorhanden sind, aber durch die kapitalistischen Machtverhältnisse blockiert werden.

Der Herausgeber Peter-Erwin Jansen entdeckte die 1974 verfassten Manuskripte 2012 im Marcuse-Archiv an der Universität Frankfurt. Sie sind mit wenigen Formulierungsschwächen so gut wie druckfertig erstellt und in der vorliegenden Übersetzung leicht lektoriert worden.

Peter-Erwin Jansen, Jahrgang 1957, wohnt in Frankfurt am Main, studierte dort Philosophie (M.A.), Germanistik, Soziologie und Politik. Er arbeitete als wissenschaftlicher Publizist (u.a. in Houston/Tx.) und Referent für politische Bildung bei verschiedenen Bildungseinrichtungen (Fritz Bauer Institut, Institut für Sozialforschung, Landeszentralen für politische Bildung). Jansen ist sowohl publizistisch als auch rechtlich als Vertreter der Nachlasseigentümer für die Nachlässe von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal verantwortlich und fungiert als einer der fünf Direktoren der International Herbert Marcuse Society (IHMS). Seit dem 1. September 2009 lehrt Jansen an der Hochschule Koblenz im Fachbereich Sozialwissenschaften.

 

[31.1.2018 – 19:30 Uhr] Leute machen Kleider – Buchvorstellung und Diskussion mit Imke Müller-Hellmann

Wer sind die Menschen, die unsere Kleider herstellen? Wie leben sie? Imke Müller-Hellmann packt ihre Lieblingskleidungsstücke ein und fährt los: Bangladesch, Vietnam, Portugal, Thüringen, China. Sie reist durch eine weltweit vernetzte, gigantische Industrie, in der, zumal in den Ländern des Globalen Südens, häufig soziale und ökologische Missstände herrschen. Sie erhält Einblicke, die überraschen, und erlebt Situationen, die nahe gehen. Sie dokumentiert, was ihr widerfährt, und schreibt auf, was die Menschen ihr aus ihren Leben erzählen.

Imke Müller-Hellmann, geboren 1975, arbeitet als Jobcoach für Menschen mit Behinderung und schreibt Erzählungen und literarische Sachbücher. Ihre Kurzgeschichten wurden mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, 2014 erschien das Buch Verschwunden in Deutschland – Lebensgeschichten von KZ-Opfern – Auf Spurensuche durch Europa. Für Leute machen Kleider war sie Stipendiatin des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin. Die Autorin lebt in Bremen.

Diese Veranstaltung wird präsentiert vom AK Kritische Geographie Frankfurt am Main:

 

 

[18.1.2018 – 20 Uhr] Buchvorstellung: Wohnraum für alle?! Perspektiven auf Planung, Politik und Architektur

Seit Jahren steigen Mieten und Wohnungspreise vor allem in wachsenden Städten und Regionen Deutschlands. Günstiger Wohnraum ist zunehmend knapp und gerade untere und mittlere Einkommensgruppen sind von hohen Wohnkosten belastet. Vor diesem Hintergrund erörtern drei Autor/innen des Sammelbandes (Bernd Belina, Susanne Heeg und Sebastian Schipper) die Gründe für die Wiederkehr der Wohnungsfrage und erkunden Strategien, mit denen bezahlbarer Wohnraum für alle geschaffen werden kann.

Bernd Belina ist Professor für Humangeographie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind der historisch-geographische Materialismus, Stadtgeographie, Politische Geographie und Kritische Kriminologie.

Susanne Heeg ist Professorin für Humangeographie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Stadtökonomie und Stadtplanung.

Sebastian Schipper ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Humangeographie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stadtpolitik, Politische Ökonomie des Wohnens, Gentrifizierung und städtische soziale Bewegungen.

Der Eintritt ist – wie immer – frei. Wir freuen uns auf Euch und diesen Abend.

[3.7.2017 – 20 Uhr] Kirsten Achtelik „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ – Buchvorstellung und Diskussion

Selbstbestimmung ist eine der zentralen Forderungen sozialer Bewegungen im Anschluss an die Revolten der 1960er Jahre gewesen. Insbesondere die Frauenbewegung und – allzu oft vergessen – die Behindertenbewegung haben sich an der Ausgestaltung dieser Forderung abgearbeitet. Selbstbestimmung über die eigenen reproduktiven Möglichkeiten aus feministischer Sicht und Selbstbestimmung über ein Leben mit Behinderung können jedoch in Widerspruch zueinander treten.
Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ die historische Phase nach Beendigung der mörderischen Eugenik im Nationalsozialismus in den Blick. In der Bundesrepublik wurden zunehmend modernisierte und individualisierte Argumente zur Begündung von selektiver Pränataldiagnostik verwendet – Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und die Verhinderung von Leid. Die vermeintlich freie, individuelle Entscheidung führt in Kombination mit gesellschaftlicher Behindertenfeindlichkeit (Ableism) zu der immer gleichen Entscheidung: Etwa neun von zehn Frauen entscheiden sich heute bei der Diagnose „Trisomie 21“ zum Schwangerschaftsabbruch.
Achtelik setzt der selektiven pränatalen Suche nach Behinderung eine „Selbstbestimmung ohne Selektion“ entgegen. Wie diese aussehen kann und welche Fallstricke diese Debatte enthält, darüber diskutieren wir mit der Autorin anlässlich ihrer Buchvorstellung.

Kirsten Achtelik ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist politisch an den Schnittstellen der feministischen, antikapitalistischen und Behindertenbewegung aktiv.