[23.11.2017 – 20 Uhr] FÄLLT AUS! / Herbert Marcuse „Kapitalismus und Opposition“

Buchvorstellung und Gespräch mit Peter-Erwin Jansen

Die erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Vorträge hielt Herbert Marcuse an der legendären, 1968 gegründeten Reformuniversität Vincennes in Paris. Sie galt nicht nur als „revolutionäre“ Herausforderung gegenüber der traditionellen französischen Bildungspolitik, sondern bald schon als intellektuelles Zentrum neuer gesellschaftskritischer Ansätze. Neben Marcuse referierten hier unter anderen Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard, Jacques Lacan, Jacques Rancière, Noam Chomsky, Pierre Paolo Pasolini. Marcuses kritische Analyse konzentriert sich auf zentrale Konflikte in der amerikanischen und westlichen Gesellschaft. Die Vorträge lassen sich als eine Fortführung, aber auch als aktualisierte Korrektur der kritischen Analyse des Eindimensionalen Menschen aus dem Jahre 1964 interpretieren.

Politisch konkreter als noch im Eindimensionalen Mensch und erstaunlich aktuell stellt Marcuse die globalen Bedrohungen des entfesselten Neo-Liberalismus dar: die Verschwendung knapper Ressourcen, die Produktion überflüssiger und unnötiger Waren, die unterdrückende Macht einer privilegierten, reichen Minderheit, sowohl von Individuen als auch der westlichen Industrienationen, die Dominanz der kapitalistischen Ökonomie über die Politik, die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Völker in den armen Ländern des Südens. Es entstehe so etwas wie eine „Arbeitsplatzhierarchie“, die von den nationalen Interessen der reichen Länder geprägt werden und eine Entsolidarisierung der Ausgebeuteten nach sich zieht. Eine Massenbasis für eine Emanzipationsbewegung sieht Marcuse nicht. Hierin bleibt er sich treu. Andererseits lassen sich in den Arbeiten konkrete Möglichkeiten identifizieren, die für eine befreite Gesellschaft assoziierter Produzenten bereits in der bestehenden Industriegesellschaft vorhanden sind, aber durch die kapitalistischen Machtverhältnisse blockiert werden.

Der Herausgeber Peter-Erwin Jansen entdeckte die 1974 verfassten Manuskripte 2012 im Marcuse-Archiv an der Universität Frankfurt. Sie sind mit wenigen Formulierungsschwächen so gut wie druckfertig erstellt und in der vorliegenden Übersetzung leicht lektoriert worden.

Peter-Erwin Jansen, Jahrgang 1957, wohnt in Frankfurt am Main, studierte dort Philosophie (M.A.), Germanistik, Soziologie und Politik. Er arbeitete als wissenschaftlicher Publizist (u.a. in Houston/Tx.) und Referent für politische Bildung bei verschiedenen Bildungseinrichtungen (Fritz Bauer Institut, Institut für Sozialforschung, Landeszentralen für politische Bildung). Jansen ist sowohl publizistisch als auch rechtlich als Vertreter der Nachlasseigentümer für die Nachlässe von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal verantwortlich und fungiert als einer der fünf Direktoren der International Herbert Marcuse Society (IHMS). Seit dem 1. September 2009 lehrt Jansen an der Hochschule Koblenz im Fachbereich Sozialwissenschaften.

 

 

[3.7.2017 – 20 Uhr] Kirsten Achtelik „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ – Buchvorstellung und Diskussion

Selbstbestimmung ist eine der zentralen Forderungen sozialer Bewegungen im Anschluss an die Revolten der 1960er Jahre gewesen. Insbesondere die Frauenbewegung und – allzu oft vergessen – die Behindertenbewegung haben sich an der Ausgestaltung dieser Forderung abgearbeitet. Selbstbestimmung über die eigenen reproduktiven Möglichkeiten aus feministischer Sicht und Selbstbestimmung über ein Leben mit Behinderung können jedoch in Widerspruch zueinander treten.
Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ die historische Phase nach Beendigung der mörderischen Eugenik im Nationalsozialismus in den Blick. In der Bundesrepublik wurden zunehmend modernisierte und individualisierte Argumente zur Begündung von selektiver Pränataldiagnostik verwendet – Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und die Verhinderung von Leid. Die vermeintlich freie, individuelle Entscheidung führt in Kombination mit gesellschaftlicher Behindertenfeindlichkeit (Ableism) zu der immer gleichen Entscheidung: Etwa neun von zehn Frauen entscheiden sich heute bei der Diagnose „Trisomie 21“ zum Schwangerschaftsabbruch.
Achtelik setzt der selektiven pränatalen Suche nach Behinderung eine „Selbstbestimmung ohne Selektion“ entgegen. Wie diese aussehen kann und welche Fallstricke diese Debatte enthält, darüber diskutieren wir mit der Autorin anlässlich ihrer Buchvorstellung.

Kirsten Achtelik ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist politisch an den Schnittstellen der feministischen, antikapitalistischen und Behindertenbewegung aktiv.

[22.05.2017 – 20 Uhr] Daniel Bensaïd „Ein ungeduldiges Leben“ – Buchvorstellung und Lesung mit Elfriede Müller und Kerstin Schoof

Radikale Linke und Gesellschaft im Frankreich der Nachkriegszeit

Daniel Bensaïd schildert in seiner politischen Biographie den Werdegang der Neuen Linken in Frankreich und Lateinamerika. Diese ging und geht ganz andere Wege als die deutsche Linke – was das Buch jenseits des Biographischen zu einer erhellenden Lektüre macht.

Der Aktivist und Philosoph erzählt in „Ein ungeduldiges Leben“ (Laika Verlag, 2016) seine packende politische Biographie, in der sich Individuum und Kollektiv, Theorie und Praxis überschneiden, widersprechen und versöhnen. Das „Ich“ und das „Wir“, die persönlichen und die geteilten Erfahrungen, zeugen von einem politischen Leben, das im Frankreich der 60er Jahre beginnt.

Die Jugend in einem von den Spanischen Republikanern geprägten Toulouse als Sohn eines Profiboxers aus Oran, der Beginn der 68er-Bewegung in der französischen Provinz und in Paris, die schmerzhafte Erfahrung der argentinischen Linken, die Neulektüre von Marx: Unterschiedlichste Facetten eines bewegten Lebens. Aus der Perspektive eines Akteurs blicken wir auf weltweite politische Ereignisse wie der Algerienkrieg und die antikoloniale Solidaritätsbewegung dagegen, die durch den Protest gegen den Vietnamkrieg weiter befeuert wurde. Daraus entstand in Frankreich eine Linke, die im Mai 1968 in Frankreich eine fast revolutionäre Situation provozierte. Dennoch handelt es sich nicht um eine nostalgische Rückschau auf längst vergangene Zeiten. Greifbar wird dies im mehr denn je notwendigen antifaschistischen Kampf gegen Strömungen wie den Front National, der Bensaïds Bericht auch für die heutige politische Situation bedeutsam macht.

Elfriede Müller (Übersetzerin des Bandes, jour fixe initiative berlin) und Kerstin Schoof (Lektorin) stellen die Auseinandersetzungen, Themen und Entwicklungen der französischen radikalen Linken von 1960-2010 vor und lesen entsprechende Auszüge aus der Autobiographie.

Biographie:
Daniel Bensaïd (1946-2010) lehrte Philosophie an der Universität Paris VIII (Saint-Denis), war Mitbegründer mehrerer linksradikaler Organisationen (JCR, LCR, NPA) und versuchte sein politisches Leben lang – nach der stalinistischen Tragödie und dem Triumph der Warengesellschaft – die Hieroglyphen dieser Gesellschaft zu entziffern und eine emanzipatorische Perspektive aufrecht zu erhalten.