[24.5.2018 — 19:30 Uhr] “Schafft ein, zwei, drei, vie­le ‘68” — Eine Ver­an­stal­tung mit Freia Anders, Rolf Engel­ke und Gott­fried Oy

Die welt­wei­ten Revol­ten Ende der 1960er Jah­re haben ihre Spu­ren hin­ter­las­sen, und sei es in Form unein­ge­lös­ter Ver­spre­chen. Nicht zuletzt wird die­ser Epo­che oft beschei­nigt, dass sie poli­tisch „über­in­ter­pre­tiert“ sei. Das fünf­zigs­te Jubi­lä­ums­jahr bie­tet erneut vie­le Anläs­se, Bilanz zu zie­hen. Der zeit­li­che Abstand bringt es mit sich, dass dabei weni­ger die Aus­ein­an­der­set­zun­gen der dama­li­gen Zeit im Mit­tel­punkt ste­hen, son­dern am poli­ti­schen Tages­be­darf geschul­te Inter­pre­ta­tio­nen: Von einer not­wen­di­gen Zivi­li­sie­rung der Bun­des­re­pu­blik bis zum ver­meint­li­chen Sit­ten­ver­fall ste­hen je nach poli­ti­scher Cou­leur Dis­kurs­ele­men­te zur Ver­fü­gung, die oft wie­der­holt und belie­big ein­ge­setzt wer­den.

Dem ent­ge­gen bie­tet sich eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen der 1960er Jah­re an. Drei Kern­the­men der „68er“, nicht zuletzt hier in Frank­furt am Main, spie­len dabei eine zen­tra­le Rol­le: Der Pro­test gegen den Viet­nam­krieg, die dro­hen­de Ver­ab­schie­dung der Not­stands­ge­set­ze und die Anti-Sprin­ger Kam­pa­gne. Die Ver­an­stal­tung wid­met sich die­sen drei gro­ßen Kam­pa­gnen der „68er“ und fragt danach, wie sie die Lin­ke geprägt haben und was davon heu­te noch unser Ver­ständ­nis von eman­zi­pa­ti­ver Poli­tik und Befrei­ung prägt.

Lieb­lings­bü­cher des Früh­jahrs

James Bald­win “Von die­ser Welt”
Anna L. Tsing “Der Pilz am Ende der Welt”
Liv Ström­quist “Der Ursprung der Lie­be”
Saskia Hen­nig von Lan­ge “Hier beginnt der Wald”
Diet­mar Dath “Karl Marx”
Lucy Fri­cke “Töch­ter”
Clau­dia Hon­ecker & Sabi­ne Pflit­sch “Jedes Tier ist ein­zig­ar­tig”

[22.2.2018 — 20 Uhr] Her­bert Mar­cu­se “Kapi­ta­lis­mus und Oppo­si­ti­on”

Buch­vor­stel­lung und Gespräch mit Peter-Erwin Jan­sen

Die erst­mals in deut­scher Spra­che ver­öf­fent­lich­ten Vor­trä­ge hielt Her­bert Mar­cu­se an der legen­dä­ren, 1968 gegrün­de­ten Reform­uni­ver­si­tät Vin­cen­nes in Paris. Sie galt nicht nur als „revo­lu­tio­nä­re“ Her­aus­for­de­rung gegen­über der tra­di­tio­nel­len fran­zö­si­schen Bil­dungs­po­li­tik, son­dern bald schon als intel­lek­tu­el­les Zen­trum neu­er gesell­schafts­kri­ti­scher Ansät­ze. Neben Mar­cu­se refe­rier­ten hier unter ande­ren Michel Fou­cault, Gil­les Deleu­ze, Jean-Fran­çois Lyo­tard, Jac­ques Lacan, Jac­ques Ran­ciè­re, Noam Chom­sky, Pierre Pao­lo Paso­li­ni. Mar­cu­ses kri­ti­sche Ana­ly­se kon­zen­triert sich auf zen­tra­le Kon­flik­te in der ame­ri­ka­ni­schen und west­li­chen Gesell­schaft. Die Vor­trä­ge las­sen sich als eine Fort­füh­rung, aber auch als aktua­li­sier­te Kor­rek­tur der kri­ti­schen Ana­ly­se des Ein­di­men­sio­na­len Men­schen aus dem Jah­re 1964 inter­pre­tie­ren.

Poli­tisch kon­kre­ter als noch im Ein­di­men­sio­na­len Mensch und erstaun­lich aktu­ell stellt Mar­cu­se die glo­ba­len Bedro­hun­gen des ent­fes­sel­ten Neo-Libe­ra­lis­mus dar: die Ver­schwen­dung knap­per Res­sour­cen, die Pro­duk­ti­on über­flüs­si­ger und unnö­ti­ger Waren, die unter­drü­cken­de Macht einer pri­vi­le­gier­ten, rei­chen Min­der­heit, sowohl von Indi­vi­du­en als auch der west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen, die Domi­nanz der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie über die Poli­tik, die Zer­stö­rung der Lebens­grund­la­gen vie­ler Völ­ker in den armen Län­dern des Südens. Es ent­ste­he so etwas wie eine „Arbeits­platz­hier­ar­chie“, die von den natio­na­len Inter­es­sen der rei­chen Län­der geprägt wer­den und eine Ent­so­li­da­ri­sie­rung der Aus­ge­beu­te­ten nach sich zieht. Eine Mas­sen­ba­sis für eine Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung sieht Mar­cu­se nicht. Hier­in bleibt er sich treu. Ande­rer­seits las­sen sich in den Arbei­ten kon­kre­te Mög­lich­kei­ten iden­ti­fi­zie­ren, die für eine befrei­te Gesell­schaft asso­zi­ier­ter Pro­du­zen­ten bereits in der bestehen­den Indus­trie­ge­sell­schaft vor­han­den sind, aber durch die kapi­ta­lis­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se blo­ckiert wer­den.

Der Her­aus­ge­ber Peter-Erwin Jan­sen ent­deck­te die 1974 ver­fass­ten Manu­skrip­te 2012 im Mar­cu­se-Archiv an der Uni­ver­si­tät Frank­furt. Sie sind mit weni­gen For­mu­lie­rungs­schwä­chen so gut wie druck­fer­tig erstellt und in der vor­lie­gen­den Über­set­zung leicht lek­to­riert wor­den.

Peter-Erwin Jan­sen, Jahr­gang 1957, wohnt in Frank­furt am Main, stu­dier­te dort Phi­lo­so­phie (M.A.), Ger­ma­nis­tik, Sozio­lo­gie und Poli­tik. Er arbei­te­te als wis­sen­schaft­li­cher Publi­zist (u.a. in Houston/Tx.) und Refe­rent für poli­ti­sche Bil­dung bei ver­schie­de­nen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen (Fritz Bau­er Insti­tut, Insti­tut für Sozi­al­for­schung, Lan­des­zen­tra­len für poli­ti­sche Bil­dung). Jan­sen ist sowohl publi­zis­tisch als auch recht­lich als Ver­tre­ter der Nach­lass­ei­gen­tü­mer für die Nach­läs­se von Her­bert Mar­cu­se und Leo Löwen­thal ver­ant­wort­lich und fun­giert als einer der fünf Direk­to­ren der Inter­na­tio­nal Her­bert Mar­cu­se Socie­ty (IHMS). Seit dem 1. Sep­tem­ber 2009 lehrt Jan­sen an der Hoch­schu­le Koblenz im Fach­be­reich Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.